Ach, Amerika

von Jacob Schrot – 

Pünktlich zur heißen Phase des US-Wahlkampfs erscheinen auf dem deutschen Büchermarkt zahlreiche Bücher, die uns das seltsame Wesen „Amerikaner“ näher bringen wollen. Wie ticken sie, diese aus deutscher Perspektive grundsätzlich übergewichtigen, patriotischen Waffennarren? Warum sieht eine beachtliche Minderheit unseres transatlantischen Bündnispartners seinen charismatischen Präsidenten als verkappten muslimischen Sozialisten an, der die alte Welt in die neue Welt holen will und am Untergang des American Way of Life feilt?

Nun ist die Gefahr der Redundanz bei einem solchen Buch sehr groß. Wenige Bücher schaffen es, wirklich tief in die amerikanische Gesellschaft und ihre Kultur einzusteigen und über den SPIEGEL ONLINE-Tellerrand hinauszublicken. Klaus Scherer‘s Buch gehört dazu. Er fasst seine Erfahrungen als ARD-Korrespondent für die Vereinigten Staaten anekdotenreich und lebhaft zusammen und bleibt dabei nie monothematisch: Von der Medienlandschaft über das „Tollhaus Washington“ bis hin zur Bilanzierung der Amtszeit des 44. US-Präsidenten bietet Scherer keine trockenen Seiten, sondern pointenreiche Begebenheiten.

Bereits auf den ersten Seiten zeigt er eine bemerkenswert gesunde journalistische
Distanz, die dem Buch gut tut, wenn er die oft geschichtstrunkenen Transatlantiker und ihre grundsätzliche Legitimierung jedweden amerikanischen Handelns per se und die selbsternannten Antiimperialisten als Pole im Amerikabild der Deutschen definiert.
Scherer hingegen wägt ab, legt sich nicht a priori fest und zieht die Analyse der Wertung vor.

Am stärksten ist das Buch dort, wo Politik und Alltagsgeschichten aufeinandertreffen und für den Leser abstrakte Debatten greifbar werden. Mütter, die jede Woche am Nationalfriedhof Arlington um ihre verlorenen Kinder weinen; Kinder in Los Angeles, die in einer Videonachricht an den damaligen Präsidenten George W. Bush verzweifelt die wirtschaftliche Lage der eigenen Familien schildern; die 75-jährigen Mutter eines Bootsbauers, die angesichts der zunehmend prekären Lage der Mittelschicht beschließt, wieder einen Job aufzunehmen: Wer ein Buch über Amerika schreibt, muss ein Buch über Amerikaner schreiben. Krieg, Rezession, gesellschaftliche Spaltung: Scherer bespricht die großen Themen der Vereinigten Staaten und legt Konflikte offen.

Angenehm ist des Weiteren, dass der Autor auf das übliche GOP-Bashing verzichtet, sondern sich im Detail mit den Republikanern auseinandersetzt. Ausführlich analysiert er innere Widersprüche der Rechten Amerikas, insbesondere denjenigen, dass auf der einen Seite Obama für die die schwache Recovery verantwortlich gemacht wird und auf der anderen Seite jedweder staatlicher Eingriff in den Markt dämonisiert wird. Die Amtszeit Obamas bilanziert er nüchtern und legt einen Schwerpunkt auf den war on terror, den der Präsident mit einer erstaunlichen Kontinuität und partiell gesteigerten Intensität im
nationalen Interesse der USA fortführt.

Immer wieder holt Scherer Expertenmeinungen ein, so dass das Buch mit Kommentaren von Bill Bryson, Zbigniew Brzeziński und Robert Bennett zusätzlich an inhaltlicher Stärke gewinnt.

Das einzige Manko des Buches, das an dieser Stelle nicht unterschlagen werden soll: Der Aufbau des Buches ist über manche Strecken sprunghaft und unstrukturiert. Unzählige Sub-Kapitelüberschriften verwirren und geben dem Gesamtwerk nur schwerlich einen Rahmen.

Klaus Scherer hat ein Buch geschrieben, das inhaltlich über die kurzatmige Tagespolitik hinausgeht und durch persönliche Erfahrungsberichte einen Blick in die Seele eines Landes wirft, das sich in einer ungewohnten inneren Unsicherheit befindet. Wer einen Blick in die Weltmacht Amerika werfen will und sich über die Kommentarspalten in unseren Tageszeitungen hinaus mit den Vereinigten Staaten beschäftigt, dem ist Klaus Scherer‘s Buch nur zu empfehlen.

Klaus Scherer: „Wahnsinn Amerika – Innenansichten einer Weltmacht“. Erschienen im Piper-Verlag (2012), 18,99 Euro.

 

  • 08.08.2012
  • Jacob Schrot
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