6DegreesBRLN – Die inklusive Gesellschaft ist keine Utopie

Am 12. November 2018 nahmen wir auf Einladung des Institute for Canadian Citizenship (ICC) gemeinsam mit einigen Mitgliedern der Initiative junger Transatlantiker (IjT) an der ersten Ausgabe von #6DegreesBRLN teil. Der Kontakt zum ICC hatte sich über das Jahr 2018 entwickelt – so hatten wir bereits bei einem Besuch im Rahmen unserer jährlichen Studienreise im September die Gelegenheit, die Räumlichkeiten des ICC in Toronto zu besichtigen und einiges über die Organisation und das Konzept der Veranstaltungsreihe #6degrees zu erfahren sowie die Köpfe dahinter kennenzulernen.

Daher hatten wir schon viel von dem Setting einer #6Degree-Veranstaltung gehört. Dieses Format selbst zu erleben, ist jedoch besonders eindrucksvoll. Man hatte das Gefühl, dass durch das 360° Podium das gesamt Publikum zur Interaktion eingeladen wurde. Diese Wahrnehmung wurde durch die verschiedenen mobilen Mikrofone im Publikum nachhaltig verstärkt. Die Anwesenden nutzten die Möglichkeit, sich aktiv in die Diskussionen einzubringen, gerne und häufig, wodurch nahezu jeder Besucher zum Beitragenden werden konnte.D

Diskussionsstimmung auch rund um das Podium

Dadurch, dass an diesem Montag ein diverses und teilweise weit angereistes Publikum den Weg in die Barenboim-Said Akademie gefunden hatte, gewann #6DegreessBRLN kontinuierlich an Tiefe. Tatsächlich griffen die verschiedenen Vortragenden die Ideen und Fragen des Publikums stets in ihrer Diskussion wieder auf oder stellten Nachfragen, wodurch das Publikum die Veranstaltung maßgeblich mitbestimmen konnte und Themen, welche die Besucher besonders interessierten, vorrangig diskutiert werden konnten.

Unweigerlich drängte sich unter den Teilnehmern schon vor der Veranstaltung die Frage auf, weshalb man in Deutschland den gesamten Beginn einer Arbeits- oder Studienwoche damit verbringen sollte, sich von einer kanadischen Organisation über eine inklusive Gesellschaft informieren zu lassen.

Phil Triadafilopoulos (University of Toronto – Scarborough) kommt in seiner Forschung immer wieder zu der Schlussfolgerung, dass Kanada Deutschland in 50 Jahren sei. Dieser Gedanke scheint vielen Kanada-Besuchern zunächst einmal nicht unbedingt schlüssig, insbesondere, wenn man die kanadische Infrastruktur betrachtet oder einfach die Dimensionen beider Staaten miteinander vergleicht. Wendet man seinen Blick allerdings weg von den rein wirtschaftlichen Faktoren hin zu den sozialen Faktoren, erscheint diese Theorie plötzlich gar nicht mehr so abwegig. Kanada war und ist ein Einwanderungsland, welches abhängig von Migration ist.

Viele haben den Eindruck, aktuell Ähnliches in Deutschland zu erleben. Wir stehen vor der Herausforderung, eine Vielzahl an Migranten in unsere Gesellschaft zu integrieren – unabhängig davon, ob ihr Aufenthalt kürzer oder länger angelegt ist. Hierbei die Chance zu nutzen und vom „kanadischen Weg“ zu lernen, ist sicher alles andere als falsch.

Daher war der Aufbau der 6degrees Veranstaltung in Berlin auch optimal. Es wurde ein möglicher  Weg von „Where We Stand“ bis „Where We Go“ aufgezeigt und über mögliche „Next Steps“ diskutiert. Dadurch, dass das ICC viele verschiedene und gleichermaßen hochkarätige Speaker, wie beispielsweise Ai Weiwei, Bernhard Schlink oder Adrienne Clarkson für die Veranstaltung gewinnen konnte, waren die Panels zudem inhaltlich auf einem hohen Niveau, wodurch der Mehrwert der Veranstaltung enorm war.

In allen diesen Panels wurde klar, dass die deutsche Gesellschaft sich schon auf den Weg gemacht hat, inklusiver und integrativer zu werden, jedoch noch ein Großteil der Strecke vor uns liegt. Die inklusive Gesellschaft ist also weniger Utopie als harte Arbeit.

Innerhalb der Akademie selbst bewegten sich die Unterhaltungen jedoch meist auf einem eher abstrakten und wissenschaftlichen Niveau. „Best-Practice“-Beispiele kamen etwa nur abseits des offiziellen Teils zur Sprache. Ein möglicher Grund hierfür könnte die Beschränkung der Veranstaltung auf einen Tag sein. In Toronto dauert die gleiche Veranstaltung immerhin drei Tage und wird jährlich wiederholt – dies ermöglicht selbstverständlich auch intensivere und breitere Diskussionen der Themen.

Zugleich birgt das Format auch bereits in dieser Form ein hohes Potential für weitere Veranstaltungen dieser Art in Deutschland und Europa, welches nicht zuletzt durch die hohe Teilnehmerzahl bestätigt wird. Die interaktiven Diskussionen könnten zukünftig einen wichtigen Beitrag in der deutschen Gesellschaft leisten. Wir sehen der Teilnahme bei einer Neuauflage von #6DegreesBRLN im nächsten Jahr mit Freude entgegen, um dabei zu sein, wenn es darum geht, den Dialog zwischen Deutschland und Kanada, aber auch innerhalb Deutschlands, fortzusetzen.