Finn Schulte
Die Zwischenwahlen sind mehr als ein Stimmungstest für Donald Trump. Sie werfen eine
grundsätzliche Frage auf. Verliert die politische Mitte ihren eigenen politischen Ausdruck,
oder muss sie sich zunehmend zwischen zwei Lagern entscheiden, die sie nur bedingt
repräsentieren?
Anfang der 1970er-Jahre war es die vielbeschworene „Silent Majority“, die Richard Nixon
1972 zu einem historischen Wahlsieg verhalf. Mit 49 von 50 Bundesstaaten und 520
Wahlmännerstimmen gewann er gegen seinen demokratischen Herausforderer George
McGovern mit überwältigender Mehrheit. Bereits 1969 hatte Nixon die „schweigende
Mehrheit“ beschworen, um jene Amerikaner anzusprechen, die den lautstarken Protesten
gegen den Vietnamkrieg und den gesellschaftlichen Umbrüchen der späten 1960er-Jahre
skeptisch gegenüberstanden. Sein Erfolg spiegelte auch den Wunsch nach Stabilität in einer
polarisierten Gesellschaft wider.
Am dritten November wählen die Vereinigten Staaten zwar nicht den US-Präsidenten, aber
einen neuen Kongress. Alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus, 35 Senatssitze sowie
zahlreiche Gouverneursposten stehen zur Wahl. Für US-Präsident Donald Trump ist das
Ergebnis eine Zwischenbilanz seiner zweiten Amtszeit. Doch die Midterms werfen auch eine
weitergehende Frage auf. Was geschieht mit einer Demokratie, wenn sich die politischen
Parteien zunehmend über ihre ideologischen Lager definieren und die Mitte zwischen ihnen
an Raum verliert?
Zwei Parteien, zwei Entwicklungen
Bei den Republikanern ist der Wandel bereits vollzogen. Die MAGA-Bewegung prägt die
Partei und ihre politische Ausrichtung maßgeblich. Die Midterms werden zeigen, wie
tragfähig dieser Kurs über die eigene Kernwählerschaft hinaus ist, an derer die aktuellen
Zustimmungswerte nicht spurlos vorbeigegangen sind. Denn die Bindung an Trump und
seine Agenda kann mobilisieren, wirft aber zugleich die Frage auf, wie sich Wähler
ansprechen lassen, die nicht alle Positionen der Bewegung teilen.
Bei den Demokraten ist die Richtungsfrage offener. Zwischen dem Parteiestablishment und
einer selbstbewusster auftretenden progressiven Linken wird darüber gestritten, mit welchen
Themen und Wählergruppen die Partei künftig Mehrheiten gewinnen kann. Der Wahlsieg
des demokratischen Sozialisten Zohran Mamdani bei der Bürgermeisterwahl in New York
2025 hat der progressiven Linken neuen Rückenwind gegeben. Sein Wahlkampf
konzentrierte sich auf bezahlbares Wohnen, Kinderbetreuung, die hohen
Lebenshaltungskosten, aber auch der Frage nach dem Umgang mit der Rolle der USA im
Nahostkonflikt an der Seite Israels. Gerade bei jüngeren Wählern fand dieser Ansatz großen
Anklang.
Doch auch für die Demokraten bleibt die Herausforderung, aus einer mobilisierenden
Botschaft ein Angebot zu machen, das über urbane Hochburgen und die eigene progressive
Basis hinaus überzeugt. Während die Republikaner ihren Wandel hin zum MAGA-Kursbereits vollzogen haben,
ringen die Demokraten noch darum, wie weit sie sich programmatisch verändern wollen.
Wenn die Mitte nur noch das kleinere Übel wählt
Die Entwicklungen beider Parteien führen zu der grundsätzlichen Frage, was es für die
politische Mitte bedeutet, wenn sich die großen Parteien zunehmend an ihren jeweiligen
Flügeln orientieren? Bleibt sie eine eigenständige politische Kraft, oder muss sie sich bei
jeder Wahl lediglich für das entscheiden, was sie selbst als das kleinere Übel empfindet?
Umfragen des Pew Research Center liefern dafür zumindest Anhaltspunkte. Bereits 2025
hielten Mehrheiten der Amerikaner sowohl die Republikaner als auch die Demokraten für zu
extrem in ihren Positionen. Auch die aktuellen Wahlumfragen zeigen, dass Unzufriedenheit
mit einer Partei nicht automatisch Begeisterung für die andere bedeutet.
Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass sich die politische Mitte selbst radikalisiert. Denkbar
sind ebenso Rückzug, politische Müdigkeit oder die pragmatische Entscheidung für eine
Partei, deren Programm man nur teilweise unterstützt. Doch auch eine andere Entwicklung
ist möglich. Wenn politische Debatten immer stärker als grundlegender Konflikt zwischen
unvereinbaren Lagern wahrgenommen werden, könnten sich Wähler zunehmend
gezwungen sehen, sich einem dieser Lager anzuschließen.
Dabei geht es nicht nur um ideologische Fragen. Hohe Lebenshaltungskosten, bezahlbarer
Wohnraum und wirtschaftliche Perspektiven gehören zu den Themen, die viele Amerikaner
unmittelbar beschäftigen. Die Frage ist, ob die Parteien diese Anliegen in mehrheitsfähige
politische Angebote übersetzen, oder ob innerparteiliche Auseinandersetzungen zunehmend
den Blick auf gemeinsame Interessen verstellen.
Eine Wahl mit Folgen für Europa
Für Europa sind die Midterms mehr als ein amerikanischer Stimmungstest. Die
Mehrheitsverhältnisse im Kongress beeinflussen die Handlungsfähigkeit der Regierung und
damit auch zentrale Fragen der transatlantischen Zusammenarbeit, vom Handel über die
Sicherheitspolitik bis zur Unterstützung der Ukraine.
Entscheidend ist deshalb nicht allein, wer die Wahl gewinnt. Ebenso wichtig ist, welche
politischen Kräfte innerhalb der Parteien gestärkt werden und wie sie mit Wählern umgehen,
die sich keinem Lager uneingeschränkt zugehörig fühlen.
Die Midterms könnten damit auch Hinweise auf eine größere Entwicklung liefern. Verliert die
politische Mitte ihre Stimme, weil die Parteien sich von ihr entfernen? Muss sie sich
zwischen zwei aus ihrer Sicht unbefriedigenden Alternativen entscheiden? Oder verändert
sie sich selbst unter dem Druck der Polarisierung?
Diese Fragen werden sich am 3. November kaum abschließend beantworten lassen. Aber
sie sind entscheidend dafür, wie wir die Zukunft der amerikanischen Demokratie verstehen
und welche Schlüsse Europa aus ihrer Entwicklung ziehen sollte.
Über den Autor: Finn Schulte hat an der Freien Universität Berlin den Masterstudiengang
Interdisziplinäre Lateinamerikastudien mit den Schwerpunkten Politik und Wirtschaft
absolviert. Seine Forschungsschwerpunkte lagen dabei auf der US-Außenpolitik in
Lateinamerika und der historischen Entwicklung interamerikanischer Beziehungen. Darüber
hinaus engagiert er sich parteipolitisch in seiner Heimatstadt Berlin. Seit 2024 ist er Mitglied
der IjT und engagiert sich seit diesem Jahr als Vice President im Vorstand.
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